Berg und Klettersteigtour Sextner Dolomiten

16. - 20.09.2012

Am 16. Oktober früh um 4:00 Uhr ging’s ab Meiningen los. 7 Bergsteiger der DAV-Sektion Meiningen auf dem Weg in den Naturpark „Drei-Zinnen“. Bei strahlendem Sonnenschein über den Brenner und durchs Pustertal nach Toblach, rechts ab Richtung Cortina d’ Ampezzo zum Lago Di Misurina und weiter nach Auronzo di Cadore, Ortsteil Giralba, zur Via Pian Della Velma. Hier befanden wir uns bereits in der italienischen Region Venetien, Provinz Belluno – im Gebiet Cadore. Mächtig italienisch, deutsch ist hier Fremdsprache. Gegen 12 Uhr werden die Autos direkt am Zugang zum Val Giralba abgestellt und der Aufstieg zur 2.297 m hoch gelegenen Carducci-Hütte beginnt. Eigentlich sollte die Tour ja genau andersherum führen. Ging aber nicht, da wir kurzfristig – Anruf drei Tage vorher – auf der dann Ersten, der Berti-Hütte, von Sonntag zu Montag leider keine Übernachtungen mehr bekamen.
Egal, vom Ausgang auf 930 m folgt ein Aufstieg von 1.350 Höhenmeter. Schön heftig für den ersten Tag, geht aber! Bei Traumwetter, ohne Zeitdruck durch Laub- und Nadelwald bis ins völlig karge Hochgebirge. Geblendet vom hellen Dolomitgestein, ein Naturerlebnis der besonderen Art. Nach 5 Stunden hatten wir dann unser erstes Übernachtungsziel erreicht und sind die einzigen „Germans“ mit ca. 8 italienischen Bergsteigern. Im Gastraum, Bar genannt, ist der Ofen angeheizt, die Lager werden bezogen, ein bisschen Körperpflege mit eiskaltem Wasser, die verschwitzten Klamotten werden auf Stühle verteilt und dann ein erstes Radler von Giuseppe (Beppe) Monti Fabro – wenn er das denn war. Welch ein Genuss. Langwierig, englisch, italienisch – mit Armen und Beinen – wird das Essen bestellt. Ständiges Dazwischenreden verkürzt dabei die Bestellzeit nicht. Drei Gänge, Gemüsesuppe, Nudeln, Polenta - irgendwas mit Eiern und Fleisch, Kuchen, Espresso – alles sehr gut, nebst Crappa und irgendeinem Schokoschnaps. Sehr italienisch halt. Ringsum Bilder, der Wirt hat 2011 den Ama Dablam (6.856 m) im Himalaja bestiegen. Gemeinsam wird erst mal an einem großen Flachbildschirm, undenkbar auf deutschen Hütten, das Expeditionsvideo angeschaut. Tolle Bilder. Und da der Sohn Gitarre spielt, wird’s ein lustiger Abend mit Liedern von Bob Dylan bis zum Bergsteigerlied „Wenn wir erklimmen, sonnige Höhen, steigen …“ Was für ein Abend, die Hüttenruhe wird etwas verlängert! Der nächste Morgen beginnt mit einem kontinentalen Frühstück, viel Kaffee und dem Auszug aus der Hütte. Umarmungen, Abschiedsgrüße unter voll dröhnende Lautsprechern „Wenn wir erklimm…. „ – unglaublich! 9:00 Uhr Aufstieg zur Giralba-Scharte (2.431 m) dem Übergang nach Südtirol. Im Tal ein Wolkenmeer, über uns stahlblauer Himmel. Da es vor ein paar Tagen bereits geschneit hatte, liegen auf den nordseits verlaufenden Wegen noch ein paar vereiste Schneereste. Schwierig aber machbar. Wir steigen über die Zwölferscharte (2.524 m) weiter durch einen langen Talabschwung zum Paternsattel (2.454 m). Hier ist das Gegenstück zur Bergeinsamkeit. Hunderte, nein, Tausende Leute kommen über einen gemütlichen Bergweg von der Auronzohütte(2.320 m) hierher. Parklatz an der Mautstraße. Einmal einen Blick in die bis zu 800 m senkrecht abfallenden Wände der Drei Zinnen werfen – Weltnaturerbe. Auch wir wollen uns diesen Blick natürlich nicht entgehen lassen – ist schon beeindruckend. Es geht auf einem kleinen Steig weiter zur Drei-Zinnen-Hütte (2.405 m). Menschen ohne Ende – an der Hütte, in der Hütte, auf der Terrasse. Wir bekommen trotzdem einen Platz direkt an der warmen Hauswand mit Blick auf die Zinnen. Eine kleine Stärkung, schauen, sonnen, dann geht’s wieder auf, weiter zur Büllele- Joch-Hütte und zum Rifugio Zsigmondy-Comici, unserer für heute geplanten Übernachtungs-hütte.
Hier teilt sich allerdings die Gruppe. Raimund, Andre, Heiko und ich begehen den Innerkofler-steig zum Gipfel des Paternkofel und weiter auf den Schartenweg. Beides Klettersteige. Reiner, Norbert und Karl-Heinz nehmen den Weg 101, außen herum zur Büllele-Joch-Hütte (2.522 m). Dort ist wieder Treffpunkt.
Von der Terrasse der Drei-Zinnen-Hütte kann man einen Teil des Klettersteigs einsehen, an verschiedenen Kletterstellen stauen sich die Leute – da hat man fast schon keine Lust mehr. Aber es ist schon 15 Uhr und die Bergsteiger sind alle im Abstieg. Also Gurte anlegen, Helme und Stirnlampen auf und los geht’s. Am „Frankfurter Würstl“, einer spitzen Felsnadel, vorbei, zum Einstieg. Beginnend mit einem etwa 400 m langen, in weiten Teilen stockdunklen Tunnel, über hohe Treppen steil aufwärts. Ohne Stirnlampen nicht zu machen. Ein Kriegssteig aus dem ersten Weltkrieg. Unglaublich was die damals alles in den Fels geschlagen haben um irgendeine Frontlinie zu halten. Der Tunnel endet, wir treten in die Wand, steigen in schöner Genusskletterei auf zur Gamsscharte. Nur zwei Bergsteiger kommen uns noch entgegen, dann sind wir ganz alleine. Ein Traum! Atemberaubende Blicke auf die Drei Zinnen und die umliegenden Felsformationen und sehr schöne Tiefblicke. Schwindelfreiheit ist hier Grundvoraussetzung. Den Gipfel des Paternkofels lassen wir aus Zeitgründen aus und klettern weiter auf dem Schartenweg, in stetigem auf und ab, immer entlang der Südseite der Gamsspitzen – vorbei an einem Kriegsbunker – in Richtung Büllelejoch, nur noch wir vier. Gegen 18 Uhr sind wir dann alle wieder beisammen an der wunderschön gelegenen Büllele-Joch-Hütte. Unsere drei Bergfreunde sind schon seit 1 ½ Stunden hier und haben bereits Freundschaft mit Hans aus Bayern geschlossen. Grüß Gott, schnell ein Radler wegen dem Flüssigkeits-verlust und weiter geht’s, mit Hans, zum Tages-ziel der Zsigmondy-Comici-Hütte. Ca. 300 hm Abstieg auf 2.224 m und wir sind da. Das Zimmer hatte ich ebenfalls ein paar Tage zuvor bestellt. Betten diesmal. Alles klappt bestens. Hier ist wieder Südtirol, es gibt eine warme Dusche und die Hütte ist trotz Saisonende ziemlich gut gefüllt. Es wird, vom Wirt bis zu den Gästen, wieder überwiegend deutsch gesprochen. Wenn man so darüber nachdenkt, die politischen Grenzen scheinen immer noch wie 1914 zu verlaufen und die Sprachgrenze sowieso. Seis drum, uns geht’s dabei recht gut.
Drei Gänge Abendessen hier nach Südtiroler Art, sehr nach unserem Geschmack und erstklassig. Die Bedienung flachst mit uns, was will man mehr. Fast schon wie Zuhause. Hier ist pünktlich Hüttenruhe, noch mal kurz den sternenklaren Himmel betrachten, die Milchstraße ganz nah. Ein paar Witze, Bettruhe, es war ein langer Tag und wenn das Wetter hält, folgt morgen der Alpini-Steig. Einer der schönsten Klettersteige der Dolomiten.
Von den italienischen „Alpini“ im ersten Weltkrieg angelegt um die Versorgung bis hinauf auf die 2.965 m hohen Rotwandspitzen zu sichern. Von hier aus wurde dann der strategisch wichtige Kreuzbergpass, damals Grenze zwischen Österreich-Ungarn und Italien bewacht. Hier liegen Heldentum und Kriegswahnsinn ganz dicht beieinander. Heute eines der schönsten und besten Urlauber-, Kletter-, und Bergsteigergebiete der gesamten Alpen, damals hart umkämpftes Kriegsgebiet. Gedenktafeln, Denkmäler, Kriegsutensilien überall – auf Bergsitzen, in Hütten, auf Dorfplätzen.
Am Morgen strahlender Sonnenschein, Frühstück – die dritte Tasse Kaffee kostet 2,30 €, alles sehr gewinnorientiert halt im deutschsprachigen Raum. Auf’i zur heutigen Bergtour. Die Gruppe teilt sich. Norbert und Karl-Heinz steigen ab ins Südtiroler Fischleintal zur Talschlusshütte auf 1.526 m, von hier dann wieder im Aufstieg in Richtung Rudihütte (1.914 m) umrunden sie die Rotwandspitzen. Später geht’s dann seilversichert über die Arzalpen-Scharte (2.298 m) mit ihren mächtigen Kriegs-stellungen und in den Fels gehauener Bunker und weiter zur Berti-Hütte (1.950 m) – unserem heutigen, wieder in Venetien liegendem, Tagesziel. Der Rest der Gruppe steigt auf zum Einstieg in den Alpinisteig. Heute sind wir nicht ganz alleine, aber die Zahl der Bergsteiger hält sich in Grenzen. Vorbei geht’s, eisfrei, am „Äußeren Loch“, die Klettersteigausrüstung angelegt und auf schmalen Felsbändern kraxeln wir in Richtung „Inneres Loch“. Vorbei kommt man dann am wohl berühmtesten Fotomotiv dieser Region, dem Felsspalt in der „La Mitra“. Bisher haben wir Glück, kein Schnee, keine vereisten Stellen. Es geht auf dem Normalweg zur Elferscharte auf 2.650 m. Eine Traumtour mit unglaublichen Aus- und Tiefblicken. Hier machen wir erst mal Rast und schauen uns den weiteren Wegverlauf in Richtung Sentinellascharte an. Jetzt wird’s schwierig. Vereiste schmale Bänder auch an ungesicherten Stellen. Nordwände! Was machen? Ein Pärchen kommt zurück, ohne Steigeisen sehr gefährlich, für die beiden nicht machbar. Wir beraten uns. Andre und ich haben Steigeisen und Krödel dabei, Reiner, Raimund und Heiko nicht. Wir haben auch zwei 20 m Seile und ein paar Karabiner zum sichern im Rucksack – eigentlich müsste es gehen. Reiner entscheidet sich über die Rotwandwiesen abzusteigen und wie Norbert und Karl-Heinz die Sextner Rotwand zu umrunden. Der Rest entscheidet sich den schwierigen und zudem vereisten Original-Alpinisteig mit dem Aufstieg zur Sentinellascharte anzugehen. Heiko geht voran, jeder Tritt muss passen. Trittsicherheit erhält hier eine ganz neue Bedeutung. Ohne Vereisung sicher nicht allzu schwierig, verlangt der Steig unter diesen Bedingungen volle Konzentration. Es geht über einen Block mit Leiter und einer Umleitung wegen Steinschlags, dann über zwei Holzbretterbrücken bis zu einer Wegkreuzung auf 2.675 m Höhe. Hier kann man noch mal absteigen oder zum Rotwandkletter-steig weiter gehen. Wir nehmen den direkten Weg zur Sentinellascharte, nun fast eisfrei, etwas ausgesetzt aber gut gesichert. Wir stehen in der Sentinellascharte, Pause, glücklich, Bilder machen.
Andre packt einen kleinen Gipfelschnaps aus, Berg-Heil – geschafft! Sonnenschein, beste Temperaturen, prima Aussicht nach beiden Seiten. Blick ins Sextental und übers Vallon Propera ins Val Comelico mit dem letzten Ort der Region Belluno, Padola. Auch die Berti Hütte kann man schon sehen – Tagesziel, Treffpunkt mit den Anderen. Erst folgt aber noch ein recht beschwerlicher Abstieg, sehr steil, über loses Geröll und Sand in Richtung Talboden. Bei Regen kann so was noch mal richtig schwierig werden. Unten im Vallon Propera geht’s vorbei an einem kleinen idyllisch gelegenen Bergsee direkt zur Berti Hütte (1.950 m). 16:30 Uhr ist es geworden. Aus den geplanten 5 Stunden wurden 7 ½. Egal, bei dem Wetter. Man spricht wieder perfekt italienisch, nur mit dem Wirt geht’s auch in Deutsch ganz gut. Bergschuhe ausziehen, Rucksäcke auf die Zimmer, Waschwasser eiskalt. Zurück auf der Terrasse wird Apfelstrudel und Latte Macchiato serviert. Es dauert keine Stunde und auch Norbert, Karl-Heinz und Reiner kommen an. Ein Hallo, alle sind glücklich über einen gelungene Bergtag. Es gibt viel zu erzählen vom Tourverlauf und den Reliquien aus den Weltkriegen. Auch die Hütte ist voll davon, von Helmen, Gewehrhülsen, Soldatenuten-silien bis zum Maschinengewehrständer, alles da. Nach dem Abendbrot wird sich zusammengesetzt – mit den übrigen 3 Gästen aus Bern in der Schweiz. Ein lustiger Abend, die Beleuchtung wird wieder sehr italienisch auf „romantiko“ geschaltet und zum Rotwein gibt’s als Abschluss noch einen selbstgemachten Brennessel-Schnaps. Mit Beginn der Hüttenruhe sitzen wir im 4 Mann-Zimmer noch ein Weilchen zusammen, dann ist Ruhe. Wieder unglaubliche Eindrücke. Am nächsten Morgen hüllt sich alles in Wolken, leichter Nieselregen, das Wetter hat umgeschlagen. Was soll’s, wir steigen eh ab. Ein gutes Frühstück, hier mit Kaffee ohne Ende und erstmals auch gute aufge-schnittene Räucherwurst und Käse. Bella Italia!
Bezahlen, Ciao und Abstieg Richtung Lunelli-Hütte.
Von hier durch einen schönen Nadelwald entlang von kleinen Gebirgsbächen in ca. 3 Stunden nach Padola.
Ein schöner Gebirgsort, 1.218 m hoch, mit neuen Liftanlagen und Pisten, saniertem Ortszentrum und natürlich mit einem „ordentlichen“ Kriegerdenkmal inklusive Kanone, Geschütz-munition und Ehrentafeln aus den beiden Weltkriegen.
Ab hier müssen wir mit dem Bus zurück zu den Autos. Viele Verbindungen gibt es nicht mehr in der Nachsaison, alles bereits Winterfahrplan. Diesen habe ich mir von „dolomitibus.it“ zusenden lassen, italienisch, „etwas“ unverständlich. Die besetzte Stelle im Gemeindeamt bestätigt uns jedoch, entgegen dem ständigen Pessimisten Reiner, die Fahrplaninformationen. Sehr freundlich, bekommen wir hier auch gleich die Fahrkarten bis nach Auronzo Reane, Endstation inkl. einmal umsteigen in San Stefano di Cadore, zudem noch etwas billiger als im Bus. Geht doch!
Die Zeit reicht gerade noch für einen Original Espresso im Caffee Poste am Piazza. Wobei die hübsche Bedienung ebenfalls allen zu gefallen scheint.
Draußen beginnt es jetzt zu regnen, wir laufen zum Bus, pünktlich, einsteigen und los geht’s. Beim Umsteigen in San Stefano regnet es dann schon wie aus Eimern. Ein Schulbus nach Auronzo. Wir kommen unserem Ziel näher, der Bus lehrt sich. Als wir 7 noch alleine im Bus sind, frage ich mal den Fahrer nach der Endstation Auronzo Reane. Er gibt mir zu verstehen, dass wir da seien – fragt aber gleich, wegen unserer Rucksäcke, wo wir denn hinwollen. Ich erkläre ihm mit allen mir zur Verfügung stehenden Sprachmitteln, dass wir nach unserer Bergtour zurück zu den Autos wollten. Auronzo Giralba. Er fragt, Strada? Hmm, Val Giralba – Carducci Hütte! Er sagt, Via Pian Della Velma. Genau das ist mir ein Begriff, stand auf unseren Navi bei der Ankunft. Yes, sage ich und er fährt los. Wer hätte das gedacht, ein italienischer Busfahrer fährt uns mit seinem Linienbus genau bis zur Straße in der unsere Autos stehen – mille Grazie! Keine Ahnung ob uns das Daheim auch passiert wäre. Rucksäcke auf, 200 m etwas bergauf, stehen unsere Autos. Unter einem Garagendach ziehen wir uns um, einsteigen und ab geht’s wieder in Richtung Misurina, nochmals hoch auf ca. 1.800 m – draußen 8 Grad und strömender Regen. Die Ansage im Radio lautet: in Österreich Schneefallgrenze bei 1.500 m.