Eine Bergtour im Naturpark Texelgruppe

Wo „Spronser Seen“ und „Hohe Wilde“ Ziele erster Güte sind. Eine Gemeinschaftstour der DAV-Sektion Meiningen, Tourzeit: 07. – 11.09.2013 Dabei waren: Gunther Strohbusch, Heiko Poppendieck, Jörg Fürst, Norbert Will, Gunter Ungerecht.

Samstagmorgen, Punkt 5 Uhr, herrliches Wetter und los geht’s Richtung Südtirol übers Timmelsjoch nach Meran ins Dorf Tirol. Bei herrlichstem Sonnenschein bringt uns die Hochmuths-Seilbahn auf die Ausgangshöhe von 1.361 m. Kurze Hose an, Rucksack auf und losgewandert. Über den etwas ausgesetzten aber einfachen Weg zur Leiteralm (1.522 m) und dann steil aufwärts durch Fichtenwald zur ersten Übernachtung, dem Hochganghaus (1.839 m). Schöne Eingehtour, schöne neue Hütte, aber für Gunthers Schuhe die letzte Berührung mit dem natürlichen Feind, Bergweg. Auflösungserscheinung, das Oberleder trennt sich von der Sohle! Auch nach Verleimungs- und Tapeversuchen des Hüttenpersonals ist klar, diese Schuhe haben ihre „Lauf-Zeit“ endgültig hinter sich. Um den Trennungsschmerz zu verwinden hilft nur gebranntes Obst, 45%, Prost. Ohne Schuhe eine Bergtour zu machen ist natürlich für den normalen mitteleuropäischen Wandersmann jenseits der Vorstellungskraft. Dafür beherrschen wir es aber gute Notfallpläne aufzustellen, nur die Reisekasse wird wohl schwer leiden. Gunther steigt am nächsten Morgen wieder ins Dorf Tirol ab. Hier gilt es für Ihn Schuhe zu besorgen (es ist Sonntag), mit dem Bus nach Meran zu fahren, umzusteigen und durchs Passeiertal nach Pfelders zu kommen. Nach 1 h 30 min Fahrzeit sind es von dort dann relativ kurze 4 h und 1.251 hm bis zum Treffpunkt Stettiner Hütte auf 2.875 m. Wir, die wir noch Schuhe haben, brechen am Sonntagmorgen bei nunmehr regnerischem Wetter nicht wie geplant über den ausgesetzten Franz-Huber-Steig, sondern über die Nassereith-Hütte (1.523 m), wird gerade neu gebaut, zur Lodnerhütte (2.259 m) auf. Aus den am Berghang aufsteigenden Wolken nieselt es etwas, weiter oben wird’s dann Regen – so ab und zu. In dem ganzen Nebel kehren dann die Schnellläufer Jörg und Heiko fälschlicherweise in die Zielalm ein während Norbert und ich wie geplant zur Lodnerhütte steigen. Die Beiden wurden natürlicherweise auf der oberhalb gelegenen Hütte nicht gesehen und so ging’s für uns nach einer kurzen Pause und der Schimpferei „wo die Zwei nun wieder hin sind“ weiter zum Johannesschartl auf 2.854 m. Schwieriger Übergang, Ketten versichert, ausgesetzt mit reichlich Potenzial zum runterfallen. Für uns heute keine schöne Zeit, weil’s nass und kalt ist, der Wind bläst, die Sicht gen null geht, weit und breit kein Mensch zu sehen ist und man nicht weiß wo die Anderen rumgeistern (daran ist noch zu arbeiten). Als wir endlich über die glatten Marmor- und Glimmerschieferplatten oben ankommen hören wir Stimmen, nicht von Fabelwesen oder unseren Anstrengungen entsprungen, nein, es sind die auf der Zielalm verlorengegangenen Bergkameraden die da unten geisterhaft aus dem Nebel auftauchen. Hatten erst als die Wirtin Ihnen erklärte, dass hier nicht die Lodnerhütte ist, ihren „Einkehrfehler“ erkannt. Macht deutlich: lesen kann von Vorteil sein. Egal jetzt, alle sind wohlauf. Eiskalter Wind, Handschuhe an, Stöcke einpacken und ganz vorsichtig über ewig lange Kettenversicherungen steil, sehr rutschig 250 hm hinunter Richtung Fossental und über eine kleine Hochfläche dann wieder aufsteigend zum Eisjöchl (2.895 m). Bei dem Nebel wirklich kein Genuss von der Wegsuche mal ganz zu schweigen. Schemenhaft taucht dann unser Tagesziel, die Stettiner Hütte, auf. Die Gesichter werden fröhlicher, der vage Begriff „Schutzhütte“ erlangt hier seine ursprüngliche Bedeutung und wer kommt von der Gegenseite um die Hütte gestapft? Unser Gunther - Respekt! In nagelneuen Salomon Bergschuhen. 200 € ärmer, aber zufrieden und dazu noch am gleichen Tag wieder mit uns vereint. Eintreten, Rucksäcke absetzen, Schuhe aus, den ganzen nassen Kram in den Trockenraum hängen und in die gut gewärmte Gaststube eintreten. Es ist genau 18 Uhr. Huch, hier sitzen
bereits geschätzte 80 Leute. Wo kommen die denn alle her? Erleuchtung, hier hat der Meraner Höhenweg seinen höchsten Punkt erreicht und kreuzt unsere Bergpfade. Aber wir hatten ja vorgebucht und so ging’s recht zügig mit der Bettenbelegung. Waschzeug, eiskaltes Wasser, der Bergtag ist trotzdem wieder in Ordnung. Hüttenabend, freundliche Bedienung, gutes Essen, warmer Tee, Bier, Radler, Rotwein, lebhafte Gespräche mit Paaren, Pärchen, Männern, einer Frau die allein unterwegs ist, Mädchen aus dem Tal und einem Hund unterm Tisch (den der Gunther fleißig krault) – was für ein Abend! Und draußen überquert uns eine Kaltfront. Regen längs und quer der stürmisch langsam in Schnee übergeht. Als ich im Bett liege und durch ein angekipptes Fenster der Wind pfeift, denke ich bei jeder Böe dass Dach und meine Bettdecke fliegen weg. Schlafen bei Sturm, mit ca. 20 Leuten in einem Raum, Hüttenfeeling total. Der nächste Morgen, es ist still, die Sonne kommt raus, Wolkenund Lichtspiele vom Feinsten. Beim Frühstück beraten wir über den Tag. Eigentlich wollten wir heute die „Hohe Wilde“ besteigen. 3.481 m, verschneit und der Gipfel in dichtem Nebel. Ein bei diesen
Bedingungen gefährlicher Aufstieg, keine Sicht vom Gipfel, muss man sich nicht antun! Einen Tag auf der Hütte vertrödeln aber auch nicht. Plan B: in ca. 4 bis 5 Stunden Entfernung, auf 2.989 m, liegt die Zwickauer Hütte. Zu erreichen über den Pfelderer Höhenweg. Ein schöner Steig, gutes Bergwetter, unter den Gipfeln Sonnenschein, Sicht, auf geht’s. Hüttenwirt angerufen, Betten klar gemacht und schon sind wir unterwegs. Absteigend, aufsteigend, immer direkt unterhalb des Alpenhauptkammes geht’s hinüber zur weithin sichtbaren Zwicker Hütte. Eine schöne Tour und wir sehen schon den für den nächsten Tag anvisierten Übergang zu den Spronser Seen. Irgendwie denkt jeder, dass wir diesen Weg morgen nie schaffen. Viel zu weit, zu viel Abstieg bis Pfelders, viel zu viel Aufstieg zum Spronserjoch und dann noch ein weiter Abstieg bis zur Bockerhütte und überhaupt. Da braucht’s schon etwas Überzeugungsarbeit damit aus der Bergtour keine Busfahrt wird. Die Hütte kommt näher, einsam, nicht mehr am Meraner Höhenweg, auf einem kleinen Felsvorsprung. Als wir ankommen liegt die Hütte gerade in einer aufsteigenden Wolke. Genau wie gestern sieht man nichts. Also, erst mal eintreten. 15 Uhr, wir sind die einzigen Gäste. 10 Leute sind noch gemeldet. 15 Leute, plus Hüttenpersonal, dass wird ein überschaubarer Abend. Dusche pro Person 5 €, egal, dafür lang und ausgiebig. Danach Apfelstrudel, Kaffee und Bayerische Blasmusik aus Jörgs Handy. Da kommt sogar der Hüttenwirt erstaunt aus der Küche. Was sind denn das für Vögel? Und was ist er für’n Vogel? Sieht aus wie Messner, spricht wie Messner, ist aber nicht Messner! Es folgen angeregte Gespräche über Südtirol die Gesamtsituation mit Italien und die Geschichte der Hütte. Leute, was es alles gibt: 1896-1899 von der Sektion Zwickau des DÖAV als kleine Selbstversorgerhütte erbaut, ab 1900 bewirtschaftet, nach dem Ersten Weltkrieg dem CAI zugeteilt, 1933 von Schmugglern in Brand gesteckt, 1960 von der CAI-Sektion Meran wieder aufgebaut, 1967 wegen Verdacht auf Verminung durch Terroristen vom italienischen Heer gesprengt und 1982 von der CAI-Sektion Meran erneut (größer) aufgebaut und bis heute ständig modernisiert – und jetzt gehört die Hütte (wie 25 weitere), nach einem Staatsvertrag mit Italien seit 2011 der autonomen Provinz Bozen und deren Vermögensverwaltung wird sie wohl neu vergeben, verpachten, verkaufen, wie auch immer. Wenn man sich überlegt, dass dies alles noch Ergebnis des Ersten Weltkriegs ist, bis heute, unglaublich. Trotz der ganzen Geschichte wird’s ein lustiger Abend mit den besten „Fleischpflanzerln“ südlich des Alpenhauptkamms und neben uns sitzt auch noch ein Pärchen aus Münnerstadt – der Ausdruck „ä wäng“ hat Sie als Unterfranken entlarvt. Und draußen machen die Wolken auf, geben einen Blick frei der seinesgleichen sucht. Über die Texelgruppe und die Sahrntaler Alpen schaut man weit in die Dolomiten hinein. Langkofel, Blattkofel, Seiser-Alm, Schlern, Sella, Rosengarten und, und, und …, im untergehenden Sonnenschein – als könnte man sie greifen, welch eine Sicht, einmalig! Selbst die dortigen Hütten sind mit einem kleinen Fernglas leicht auszumachen. Ein Bergtraum. Am nächsten Morgen, Sonne, Wolken, durchwachsenes Wetter, geht’s nach einem guten Frühstück gegen 07:45 Uhr steil bergab. 1.200 hm runter zum Lazinser Hof (1.782 m). Kurze Pause zwischen Kühen und weiter ins Falschnaltal. Es folgt ein schöner gleichmäßiger Anstieg zum Falschnaljöchl auf 2.417 m. Gut zu laufen, auch dem letzten Pessimisten wird klar, die heutige Tagesetappe ist gut zu schaffen, nur die Sonne verabschiedet sich. Oben Richtung Spronser Joch ziehen dunkle Wolken auf und im letzten Aufstieg werden dann schon mal die Regenjacken angezogen. Als ich mit Norbert am „Jöchl“ ankomme, sind die Schnellläufer schon in der Regenwand am Spronserjoch verschwunden. Es geht noch bis auf 2.581 m,höchster Punkt für heute. Hier oben, am Aussichtspunkt über die Spronser Seen, am Zielpunkt unserer Tour: Regen, Wind, gefühlte 0 Grad, keine Sicht auf nichts. Irgendwie den Weg suchen, Steimännchen, Markierungen, überall fließt Wasser über den anscheinend großflächigen Übergang ins Spronsertal. Jörg taucht irgendwo im Nebel auf. Hat auf uns gewartet und langsam kommen wir auch immer tiefer ins innere der Regenwolken. Es geht bergab, der Regen wird stärker. Da müssten sie liegen! Liegen sie wohl auch: Schwarzsee, Schlefer See, Kesselsee, Grünsee, Langsee und wie sie alle heißen. Dachte ich hätte irgendwann einmal ein Ufer gesehen? Man weiß es nicht, Wasser überall, Wasserfälle rauschen irgendwo und man passt auf, dass man den Steig nicht verpasst, fühlt in seine Bergstiefel: ist da schon Wasser? Steil geht’s bergab und plötzlich tauchen aus dem Nebel die Oberkaser Hütten (2.131 m) auf. Hier treffen wir dann auch Gunther und Heiko wieder. Haben auch sehr über die Spronser Seen gestaunt, wirklich ein Naturparadies – was man so auf den Schautafeln sieht. Was soll’s, auch das war eine Erfahrung – und nicht die schlechteste. Man weiß jetzt ganz genau welche Ausstattungskomponenten gut sind und welche man in die Tonne hauen kann. Learning by doing, Prima! 14 Uhr, noch 431 hm Abstieg jetzt und der Regen hört kurz auf. Dann kommt Sie! Im engen Spronsertal, ringsum Wasserfälle rauschende Fichten und steile Bergwände - die auf 1.700 m gelegene Bockerhütte. Im wahrsten Sinne, steinalt. Für Romantiker und Liebhaber alten Hüttenguts ein Erlebnis. Hier wird noch mit Feuerholz auf einem Herd mit einem geschätzten Alter von 100 Jahren gekocht und das richtig gut. Die 2 Kinder der Wirtsleute wuseln zwischen Hühnern und Kühen und allerlei Hofgetier herum. Die Gäste haben ihren Spaß. Es wird noch original gemolken und ständig wird die mitten im Flur stehende Zentrifuge von der Wirtin in Schwung gehalten. Milch, Molke, frischer Rahm zum Butter machen. Alles fließt in kleinen Bächen in unterstehende Töpfe und Behältnisse. Ein Kind auf dem Arm, eins zipfelt an Hose und Schürze herum, egal, die Maschine ist in Drehung zu halten. Scheinbar ebenfalls aus der Anfangszeit der Hütte tut das Gerät seinen Dienst bis heute einwandfrei, wie bestätigt wird. Zudem ca. 39 Gäste betreuen, Kinder, das Tagesgeschäft auf dem Hof, immer freundlich und von Hektik keine Spur. Ein Hauch aus der guten alten Zeit. Je ein Waschbecken und zwei Toiletten pro Etage. Die Wandverspachtelung aus der Anfangszeit der Erfindung des Mauerputzes. Das Bettenlager auf dem Dachboden mit großer Bodenluke und steiler Dachbodentreppe, ein Traum. Lüften? Unnötig! Die Ritzen in den Giebelwänden sorgen automatisch für Frischluft! Immer! Balkenwerk im Ursprung. Zimmerer hätten ihre helle Freude. Zum Abendbrot, Schöpsernes (ein Südtiroler Gericht aus Schaffleisch), ein guter Marillenschnaps und hernach noch ein Kaiserschmarren mit Zwetschgenröster – Genuss pur. Saubere Matratzen und herrliche Betten sorgen im Weiteren für einen geruhsamen Schlaf. Hier werden Regen und die Unbilden des Wetters vom Wandersmann ferngehalten. Am Morgen, Hahnenschrei, Hühnergackern, Kuhglocken, Kindergeschrei – alles hautnah. Bergbauernleben, für Genießer eine schöne Zeit und wir durften es erleben. Wer also jemals ins Spronsertal kommt – hier muss man gewesen sein. Und grüßt mir die Wirtsleute. Was soll ich sagen, nach einem schönen Hüttenabend scheint nun wieder die Sonne. Strahlend blauer Himmel, ein paar Wolkenfetzen steigen aus dem Tal auf und wir betrachten staunend Hütte und Spronsertal. Die Seen, weit oberhalb, müssten jetzt auch schön in der Sonne liegen. Heiko möchte am Wochenende noch mal herfahren, hat noch Urlaub. Muss man doch gesehen haben die Spronser Seen! Keine Ahnung ob er das wirklich macht. Verabschiedung von Haus, Hof und den übrigen Bergsteigern welche noch fragen, wo denn so eine lustige Truppe herkommt: Meiningen, Südthüringen! Doch, haben manche schon gehört. Wir steigen auf dem Bockersteig nochmals auf ca. 1.900 m auf, dann geht’s bei bester Aussicht auf Hirzer, Ilfinger, Dolomiten, ins Vinschgau bis hin zur schneebedeckten Ortlergruppe und ins gesamte Burggrafenamt um die Hochmut herum wieder zur Seilbahn und ins Dorf Tirol. Das Wetter, nun eine kleine Entschädigung für den letzten Tag am Spronserjoch. 20 Grad, Sonnenschein, Jörg holt ein paar Radler und mit einer Portion Tiroler Speck endet sie – unsere diesjährige Bergtour. Es war vielleicht eine unserer besten Touren. Ein Traum, anstrengend und doch gerade wegen dem Wetter, den Farbspielen, den plötzlichen Aus- und Fernsichten und dem Genuss der Schutzhütten, wunderschön. 3.750Höhenmeter Aufstieg und das gleiche im Abstieg, immerhin. Dann bis zum nächsten mal, man sieht sich, vielleicht in den Bergen – Berg Heil, Gunter.